Stellungnahme der marxist*in zu den Vorfällen in der Steiermark
Wie in den letzten Tagen bereits breit medial und politisch „ausgeschlachtet“ wurde, sind zwei steirische SJ-Funktionäre aufgrund eines auf Facebook geposteten Rap-Textes wohl mehr oder weniger freiwillig zurückgetreten worden. Der umstrittene Text im Wortlaut:
„Die Welt wird brennen wie Sterne am Horizont Banken Villen Parlamente alles ist bis auf die Grundsteine abgebrannt… Die Krise sie wird uns alle schnappen doch wir lassen uns nicht mehr täuschen durch die ganzen Politattrappen es wird Zeit aufzustehen auf die Straße zu gehen und ein jeder wird verstehen dass die Reichen bald ihr Ende sehen…. Angesicht zu Angesicht werden sie geschlachtet und ihre Gründe an Obdachlose verpachtet wir werden sie entmachten diese Schweine wie sie über uns lachten doch ihren Reichtum werden wir uns stehlen danach werden wir sie quälen…… Reiche entmachten jetzt!!“
Das Facebook-Posting wurde vom RFJ Steiermark aufgegriffen und zum Skandal gemacht. Besondere Aufmerksamkeit galt der Zeile „Reiche schlachten“, die von FPÖ-Chef Strache, der sich beim ORF-Sommergespräch künstlich empört über den Vorfall zeigte, als unmissverständlicher Aufruf zu roher Gewalt gedeutet wurde.
Die Reaktion des steirischen SJ-Landesvorstandes war eine umgehende defensive Entschuldigungshaltung, die der FPÖ insofern in ihrer Argumentation Recht gab, dass jegliche Form von Gewalt und Gewaltaufrufen gleichzusetzen und grundlegend abzulehnen seien.
Dabei gingen sie weit über eine angemessene öffentliche Distanzierung zur Wortwahl der SJ-Aktivisten hinaus und verzichteten auf eine eigene inhaltliche Analyse und Positionierung sowohl nach innen wie nach außen. Stattdessen beugten sie sich der allgemeinen öffentlichen Darstellung und machten auch als Reaktion auf die Vorwürfe der FPÖ keine Unterscheidung zwischen dem wütenden Aufruf zur Gewalt gegen ein gewalttätiges System, dass sich für den SJ-Aktivisten scheinbar in „den Reichen“ personalisierte und struktureller rassistischer Gewalt der FPÖ sowie der Gewalt, die vom kapitalistischen System ausgeht. Auch wenn die kreativen Zeilen wohl nicht zum nächsten Kampagnenslogan der SJ erhoben werden sollten, ist Gewalt nicht gleich Gewalt. Die SJ, die sich als marxistische Organisation bezeichnet, hat die Pflicht, in so einem Fall nicht Angriffen von rechts nachzugeben, sondern sich in ihrer Position solidarisch mit den Betroffenen zu zeigen und öffentlich zwischen struktureller Systemgewalt von oben und berechtigter Wut auf ein Gewaltsystem von unten zu unterscheiden. Die SJ sollte weniger versuchen der sogenannten politischen Mitte zu gefallen, sondern lieber „so radikal wie die Wirklichkeit“ (Brecht) werden. Natürlich kann es aus einer marxistischen Position nicht darum gehen Reiche zu schlachten, aber ein guter Anfang wäre damit gemacht, sie zu enteignen und ihre „Gründe“ und Fabriken unter die Selbstverwaltung derer zu stellen die darauf leben und in ihnen arbeiten.
Mensch richte den Blick lieber auf eine real existierende Bedrohung für die steirische Bevölkerung
Erst kürzlich wurden zwei Aktivisten des steirischen Rings freiheitlicher Studenten wegen NS-Wiederbetätigung und schwerer Körperverletzung angeklagt, der Sprengstoffanschlag auf das Asylwerber_innenheim der Caritas in Graz war nicht der erste und im Wahlkampf rief die freiheitliche Landespartei höchstpersönlich mit dem Online-Spiel „Moschee baba“ zum Abschuss von Imamen und Minaretten auf.
Angesichts dauernd zunehmender rechtsextremer Gewalt und Übergriffe ist die scheinheilige Aufregung von rechter Seite über das Posting eines Jugendlichen auf Facebook der reinste Hohn. Während sich die SJ-Steiermark schleunigst und vor allem öffentlich von ihrem „Nestbeschmutzer“ distanziert, wurde vor wenigen Monaten mit Unterstützung von Max Lercher, dem steirischen SJ-Vorsitzenden, einer der brutalsten und folgenreichsten Angriffe auf das Sozial- und Gesundheitssystem eines Bundeslandes beschlossen.
Im Zuge dessen wurden unter anderem existenzbedrohende Kürzungen der Mittel für Menschen mit Behinderung, Einführung von Kindergartengebühren, ersatzlose Streichung von Leistungen und massive Kürzungen der Mittel für Kinder- und Jugendarbeit, sowie für Sozial- und Kulturinitiativen durchgesetzt. Darüberhinaus wird die Rückzahlungspflicht (Regress) für Angehörige bei Pflegekosten und für Angehörige von Empfänger_innen der Mindestsicherung wiedereingeführt. Ebenso kommt es zu Verschlechterungen bei Wohnbeihilfe und der Mindestsicherung.
So sieht Gewalt gegen Menschen aus! Wenn hunderttausende Menschen unter den Sparmaßnahmen zur Bearbeitung einer Krise leiden, die sie nicht verursacht haben und in einem System leben, das auch radikalste Kürzungen nicht heilen können, dann ist dies gemeine, rohe Gewalt.
Jugendliche, die unter immer beschisseneren Verhältnissen leben, sind zu Recht wütend und verleihen dieser Wut Ausdruck. Wenn die Sozialistische Jugend ihren Namen noch ernst nimmt, ist es ihre Aufgabe, junge Menschen, die von den Verhältnissen betroffen sind und deren Wut auf den Kapitalismus sich entlädt zu organisieren und mit ihnen zu kämpfen anstatt sie ihrer Funktionen (wenn auch unter Vorgabe fragwürdiger Freiwilligkeit) zu entheben und sich ihrer zu schämen.
Genauso wenig darf sie sich auf eine vorgeschobene Debatte einlassen, deren einziger Zweck es ist, zu verschleiern, wo und gegen wen in Wirklichkeit Gewalt ausgeübt wird.
Stattdessen muss mit dem Finger auf die gezeigt werden, die hunderttausende Menschen systematischer, existenzbedrohender Gewalt aussetzen. Und wenn dies unter anderem die SPÖ Steiermark ist, und sie war es mit dem Beschluss des Sparpaketes, dann muss sie an den Pranger gestellt werden, auch wenn es schwerer fallen mag, die Mutterpartei zu kritisieren als zwei Jungfunktionäre in den eigenen Reihen.
Wer aber diesen Mut nicht hat und Gewalt in der Form eines vernichtenden Sparpakets im Landtag nicht die Stimme entzieht, wenn es zur Abstimmung kommt, der muss vielleicht auch einmal ein bisschen zur Freiwilligkeit gedrängt werden!
Links zum Nachlesen:
http://www.plattform25.at/2011/06/10-6-2011-dokumentation-1-tag-der-einzelnen-hartefalle/
http://www.stopptdierechten.at/2010/09/12/anschlage-auf-einrichtungen-fur-asylwerberinnen-und-migrantinnen-haufen-sich/
http://www.stopptdierechten.at/2011/02/04/ots-rfj-funktionare-als-nazi-schlager-angeklagt/

